Schilddrüsenunterfunktion beim Hund

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Eine Schilddrüsenunterfunktion wird in letzter Zeit immer wieder als Ursache für Verhaltensauffälligkeiten bei Hunden genannt. Was hat es damit auf sich?
Die Schilddrüse bildet und speichert die Schilddrüsenhormone, im wesentlichen T3 und T4. Sie ist in einen Regelkreis eingebunden. Die Wirkung und Funktion der Schilddrüsenhormone ist vielfältig.

Die Schilddrüsenhormone

  • steigern den Grundumsatz, haben also stoffwechselanregende Wirkung
  • steigern dadurch die Körpertemperatur
  • steigern zudem die Herzfrequenz und die Herzschlagkraft
  • wirken am Aufbau der Skelettmuskulatur mit 
  • fördern das Wachstum und die Reifung des zentralen Nervensystems 
  • wirken bei Wachstumsvorgängen mit 
  • spielen aufgrund ihrer stoffwechselaktivierenden Wirkung eine Rolle bei Stressreaktionen.

Ein Hormonmangel wirkt sich also in allen Bereichen des Körpers aus. Besonders deutlich erkennbar ist er in schnell wachsenden Geweben, wie der Haut und den Haaren. Schilddrüsenfehlfunktionen sind die häufigsten Erkrankungen des Drüsensystems bei Hunden. Hierbei sind Schilddrüsenüberfunktionen selten anzutreffen, meistens handelt es sich also um eine Schilddrüsenunterfunktion.

Je nach Ursache des Hormonmangels wird zwischen primärer, sekundärer, tertiärer und nicht schilddrüsenbedingter Schilddrüsenunterfunktion (non-thyreoidal Illness = NTI) unterschieden. Lediglich bei der primären Schilddrüsenunterfunktion ist die Ursache des Hormonmangels eine Erkrankung der Schilddrüse. Bei der sekundären und tertiären Schilddrüsenunterfunktion treten Defizite im übergeordneten Regelkreis auf. Die tertiäre Schilddrüsenunterfunktion wurde beim Hund noch nicht festgestellt. Bei der NTI bewirken andere Erkrankungen im Körper, massiver Dauerstress, Medikamente oder ähnliches eine Absenkung der Schilddrüsenhormonwerte.

Ist die Schilddrüse bei der primären Schilddrüsenunterfunktion schon sehr stark geschädigt (rund 70 % Ausfall), treten massive körperliche Symptome auf. In diesem Stadium sind eindeutig interpretierbare Laborwerte vorhanden, so dass die Diagnose relativ sichergestellt werden kann. Bis sich aber der Ausfall der Schilddrüse derart massiv bemerkbar macht, also in der Phase der Entwicklung einer Schilddrüsenunterfunktion, treten häufig nur unspezifische Symptome auf. Häufig wird dieses Stadium daher als subklinische Schilddrüsenunterfunktion bezeichnet. Hierbei sind besonders Hunde im Alter zwischen 2 bis 6 Jahren betroffen; bei älteren Hunden hat sich eine Schilddrüsenunterfunktion meist schon weiter manifestiert.

Im frühen Stadium können z.B. folgende Verhaltensauffälligkeiten auftreten:

  • plötzliche, "unprovozierte" Aggression, Reizbarkeit 
  • Interesselosigkeit, Abgestumpftheit, Apathie, Lethargie (Antriebsschwäche), Trägheit, Emotionsarmut, vermehrtes Schlafbedürfnis; 
  • aber auch Hyperaktivität, Ruhelosigkeit, hohe Spontanität 
  • Persönlichkeitsveränderungen 
  • Stimmungsschwankungen, Launenhaftigkeit, Unberechenbarkeit 
  • Angst, Phobien, Ängstlichkeit 
  • Tunnelblick, Unansprechbarkeit 
  • Stressanfälligkeit, geringe Stresstoleranz

Besonders bei sich plötzlich änderndem Verhalten, für welches ansonsten keine Erklärung gefunden werden kann, sollte daher an eine Schilddrüsenunterfunktion gedacht werden.

Die Diagnostik in diesem frühen Stadium ist sehr schwierig. Die Werte der Schilddrüsenhormone (T4, T3) unterliegen zahlreichen Einflüssen, wie tages- und jahreszeitlich rhythmischen Schwankungen, und weisen individuelle, alters- und rassebedingte Idealwerte auf. TSH, das Hormon, welches die Schilddrüse zur Aktivität anregt, sollte bei Schilddrüsenhormonmangel ansteigen. Das ist aber im frühen Stadium bei rund 30 % der Hunde nicht feststellbar. Antikörper gegen „die Schilddrüse“ sind sowohl bei kranken als auch bei gesunden Hunden zu finden, aber nicht immer bei kranken Hunden. Antikörper gegen T4 können messtechnisch den gemessenen T4-Wert fälschlich erhöhen. Der bei ausgeprägter Schilddrüsenunterfunktion relativ sichere TSH-Stimulationstest kann im Frühstadium falsche Ergebnisse liefern, da die Schilddrüse kurzzeitig Reserven mobilisieren kann. Ähnlich unsicher ist die Sonographie in diesem Stadium.

Zur Diagnose sollte daher ein Tierarzt hinzugezogen werden, der sowohl die unspezifischen Verhaltensabweichungen als auch die unklaren Blutwerte einzuordnen weiß. Hier sind die Ärzte der GTVT (GTVT = Gesellschaft für Verhaltenstherapie –> http://www.gtvt.de/ueberweisungsliste/first.htm ) zu empfehlen. Eine gesicherte Diagnose in einem frühen Stadium der Erkrankung kann nur mit viel Erfahrung und durch die Summe der Einzelkomponenten getroffen werden.

Bei einer Anamnese werden in der Regel folgende Diagnosepunkte abgeklärt:

  • Vorgespräch: Abfrage von Haltungsbedingungen, Sozialverhalten, Herkunft, Ernährung etc. 
  • Beobachtung des Hundeverhaltens, Interaktionen des Hundes bei einem gemeinsamen Spaziergang 
  • Allgemeinuntersuchung, ggf. Röntgenuntersuchungen, Kot- und Urinuntersuchungen, physiologische und neurologische Tests ( in Zusammenarbeit mit dem regulären Tierarzt) 
  • Organprofil (in Zusammenarbeit mit dem regulären Tierarzt) 
  • schilddrüsenspezifische Parameter ( in Zusammenarbeit mit dem regulären Tierarzt), wie:

  Cholesterin -> k-Wert

TSH , T4: frei und gebunden 

 T3: frei und gebunden 

 TAK (Thyreoglobulin-Antikörper) 

 sofern möglich: Antikörper gegen T3, T4

Die Behandlung der Schilddrüsenunterfunktion erfolgt durch die Zufuhr der fehlenden Schilddrüsenhormone. Meist reicht es völlig aus T4 zu substituieren. Hierzu werden die Hormone in Form von Tabletten idealerweise zweimal täglich zugeführt. Nur in seltenen Fällen ist auch die Gabe von T3 erforderlich. Da T3 ein sehr wirksames Hormon ist, stellt eine T3-Substitution einen sehr viel stärkeren Eingriff in das Hormongefüge des Hundes dar, als eine T4-Substitution. Meist zeigen sich innerhalb kurzer Zeit nach Beginn der Substitution die ersten deutlichen positiven Verhaltensänderungen und viele der unspezifischen Symptome verschwinden gänzlich. Die Dosierung der Tabletten sollte sich bei einem verhaltensauffälligen Hund vorrangig am Verhalten des Hundes orientieren und regelmäßig, zunächst in kurzen Abständen mittels Blutwertekontrolle, überprüft werden. Auch wenn einige Verhaltensprobleme mit der Substitution „von selbst“ verschwinden, bedürfen viele Verhaltensauffälligkeiten eines intensiven Trainings. Unter der Substitution zeigt dieses Training aber oft Erfolge, die vorher nicht möglich waren.

Weiterführende Informationen zum Thema: Beate Zimmermann „Schilddrüse und Verhalten / Schilddrüsenunterfunktion beim Hund“, MenschHund! Verlag, 2007 (http://www.mensch-hund-lernen.de/UnsereBuecher.html)

Dieser Artikel wurde auch auf der Homepage des ADHC (Allgemeiner Deutscher Hunde-Club e.V. veröffentlicht)

 

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